Geschichtliches

1856

In Tori (bei Pärnu) wurde ein staatliches Gestüt gegründet, das sich zur Aufgabe machte, eine Pferderasse zu züchten, die sowohl im leichten Zug, als auch unter dem Reiter eine gute Figur macht, zudem aber an die mitunter harten klimatischen Bedingungen in Estland angepaßt ist: das Tori Pferd. Zum Stempelhengst wurde Hetman, der der Rasse einheitliches Aussehen vererbte - außerdem stiegen Arbeitswillen und Anpassungsfähigkeit unter seinem Einfluß an. Zwischen 1890 und 1914 wurden sehr viele Jungpferde als Remonten an die Kavallerie des russischen Zaren verkauft.

1930

In ganz Estland werden die kleinen und mittelgroßen Landwirtschaftsbetriebe immer erfolgreicher. Um die Tori Pferde den neuen Ansprüchen vor allem in der Feldarbeit gerecht werden zu lassen, wurden die 5 Postier-Bretonen Hengste Loots, Uhke, Virk, Tugev und Sammur eingekreuzt. Das Tori Pferd wurde zwar etwas kalibriger, behielt aber seine schwungvollen Bewegungen und das einheitliche Erscheinungsbild.

1970

Um Inzucht zu verhindern, entschied man sich, den Tori Pferden in moderatem Maße die im Typus sehr ähnlichen Alt-Hannoveraner Hengste Algus 8787 T, Delfiin 13 531 T, 33 Difer, Farda, Funduk 9361 T, Günther 8503 T, Kiirus 9359 T, Kraver 8505 T zuzuführen. Das Erscheinungsbild der Tori Pferde veränderte sich dadurch kaum, was auch auf die gelungene Hengst-Auswahl zurückzuführen ist.

1990

Die neue Freiheit Estlands brachte für das Tori Pferd existentielle Probleme mit sich: zum einen wurden ganze Zuchtstätten auf Schlacht-Transporte nach Italien verladen, zum anderen machte sich auch die gänzlich fehlende Zuchtpolitik seitens der estnischen Verbände bemerkbar: bereits im Jahr 2000 waren die Tori Pferde alten Schlages auf einen winzigen Rest zusammengeschmolzen. Die verbliebenen Stuten wurden mit Hengsten moderner Sportrassen gedeckt, in manchen Jahrgängen hatten mehr als 80% der Fohlen einen Vater ohne Tori-Abstammung.

2006

Hargo Talu ist das letzte Gestüt Estlands mit dem Ziel, die Tori Pferde alten Schlages in Reinzucht zu erhalten. Um weitere Pferdehalter motivieren zu können, wurde erst die Interessengemeinschaft, kurz darauf der Verein zum Erhalt des Alt-Tori Pferdes (Vana-tori hobuse ühing MTÜ) gegründet. Zielsetzung sind unter anderem Stabilisierung der noch vorhandenen Population, Erhalt der genetischen Vielfalt von 1945, aber auch gezielte Öffentlichkeitsarbeit, um das estnische Kulturgut im kollektiven Bewußtsein zu erhalten. Darüberhinaus wird ein eigenes Zuchtbuch angestrebt, um die Restbestände mit bis zu 25% Alt-Hannoveraner Anteil als "Alt-Tori Pferde" vor dem Aussterben bewahren zu können.

Exterieur und Eigenschaften

Das Alt-Tori Pferd gehört zu den selten gewordenen schweren Warmblutrassen, die traditionell sehr vielseitig im Einsatz waren. Das Alt-Tori Pferd ist umgänglich und menschenbezogen, trotzdem aber mit lebhaftem Temperament ausgestattet, was es zusammen mit seiner barocken Erscheinung zu einem ausgezeichneten Freizeitpferd macht.
Das Alt-Tori Pferd verfügt über kraftvolle Gänge, raumgreifenden Schritt und schwungvollen Trab, hervorzuheben sind Takt, Schwung und Trittsicherheit, die besonders bei Dressur und Geländereiten von Bedeutung sind.
Das Alt-Tori Pferd ist mittelschwer, kräftig gebaut mit trockenen Gliedmaßen und gut akzentuierten Gelenken. Es ist ein einheitlicher Pferdetyp, der hervorragend an die klimatischen Bedingungen in Estland angepaßt ist. Leichtfuttrigkeit und Robustheit sind wichtige Eigenschaften.

Das Alt-Tori Pferd wurde vor allem durch die praktische bäuerliche Zucht zu einer an die estnischen Bedingungen und Einsatzmöglichkeiten angepaßten Pferderasse. Erscheinungen wie Koppen, Weben, Sommer-Ekzem, Kehlkopfpfeifen, Hufrollen-Entzündung sind bisher nicht registriert. Bei guter Haltung sind die Alt-Tori Pferde wie alle schweren Warmblüter sehr langlebig und in hohem Alter noch richtig "fit".

Maße (dreijährig):

Widerristhöhe 158 - 166 cm, Röhrbeinumfang 22 - 24 cm

Farben:

Die traditionell "typische" Farbe ist Fuchs in allen Schattierungen. Es treten auch Braune und Rappen auf, seltener Isabellen.

Das Alt-Tori Pferd heute:

Die derzeitige Population in Estland beträgt etwa 180 Alt-Tori Pferde mit bis zu 25% Alt-Hannoveraner Anteil, davon sind nur noch 70 Pferde auf der Grundlage von 1945 reingezogen.

Noch im Jahr 1989 wurden mehr als 100 reingezogene Alt-Tori Fohlen geboren.
In den Jahren 2009 und 2011 wurde erstmalig kein einziges reingezogenes Alt-Tori Pferd mehr registriert.
Im Jahr 2011 leben in Estland nur noch 12 reingezogene Stuten im Alter von 3 - 15 Jahren, also im für die Zucht wichtigsten Alter.

Um diese einzigartigen Pferde vor dem Aussterben bewahren zu können, benötigen sie ein separates Zuchtbuch - eine Forderung, mit der sich der Alt-Tori Verein Estlands unter dem Vorsitz von Ute Wohlrab befaßt.

Hargo Talu und die Alt-Tori Pferde

Viele Jahre war das Gestüt Hargo Talu die einzige und letzte Zuchtstätte, die sich auf Reinzucht der Alt-Tori Pferde spezialisiert hatte. Von den 20 reingezogenen Fohlen der Jahre 1998 - 2007 wurden 15 auf Hargo Talu geboren.
Der derzeitige Pferdebestand auf Hargo Talu stellt immerhin etwa ein Viertel der reingezogenen Alt-Tori Pferde Estlands. Dank geradliniger Zuchtarbeit auf Hargo Talu und der Bemühung, diese Pferde in ihrer originalen, einheitlichen Ausprägung zu erhalten und fortleben zu lassen, konnte der Bestand der Alt-Tori Pferde stabilisiert werden. Besonders die Aufzucht und Haltung praktisch aller reingezogenen Alt-Tori Deckhengste auf Hargo Talu spielt eine zukunftsweisende Rolle für die Erhaltungszucht in ganz Estland.