18. Januar 2014

Liebe Freunde von Hargo Talu,

nachdem ich fast 2 Stunden an Passwort- und ähnlichen Problemen fast gescheitert wäre, kann ich nun endlich wieder etwas schreiben... tja, so ist das, wenn man sich zu lange nicht mehr (an)meldet...

In den nächsten Tagen werde ich die Übersichten zu den letzten Jahren erstellen und freue mich schon, viele gute Nachrichten und herrliche Erlebnisse mit Ihnen allen teilen zu dürfen.

Bis bald!
Ute Wohlrab


12. Dezember 2012

Der Schneesturm, der heute noch um den Hof fegte und immerhin halbmeterhohe Schneewehen hinterließ, hat sich gelegt. Die Esche reckt ihre glitzernden Äste in den Nachthimmel, ein kleiner Buntspecht, der dort seine Schmiede eingerichtet hat, ist in den Wald verschwunden. Nur ein paar heruntergefallene Fichtenzapfen weisen auf seine Tätigkeit hin. Ruhe auch bei den Pferden, die sich ihrem Heu widmen.

Bald wird der kleine Weihnachtsbaum geschmückt, der wie in jedem Jahr hinter der Scheune gefällt wurde. Die altmodischen Kugeln liegen schon bereit. Und dann wird auch im Haus Ruhe einkehren. Weihnachten.

Ich möchte allen Freunden, Unterstützern und stillen Lesern besinnliche Weihnachten wünschen. Ich möchte mich aber auch an dieser Stelle für Euer, Ihr Interesse an Hargo Talu, den Alt-Tori Pferden und meiner Arbeit danken. Und ich möchte an dieser Stelle versprechen, daß es in diesem Jahr wieder einen Rückblick geben wird - es ist viel passiert. Anstrengende Monate liegen hinter mir - und ich bin glücklich mit dem Gefühl, daß ich viel erreicht habe. Nicht nur für die Alt-Tori Pferde.

Ute Wohlrab


22. November 2011

Es ist soweit. Mein erstes Buch kann ab dem 01.12.2011 bei mir bestellt werden.

Hannes und Hanna
die Geschichte zweier Pferde in Estland


Das Buch ist für jüngere Leser gedacht, was aber nicht ausschließt, daß die Erzählung auch junggebliebenen Bücherfreunden gefallen wird.


Da im Eigenverlag gedruckt wird und von mir selbst vermarktet, bitte ich Bestellungen bei mir aufzugeben. Der Preis beträgt 12 Euro, wobei der Erlös den beiden Helden des Buches zugute kommen wird. Denn alles beruht auf einer wahren Geschichte...


Inhalt:

Hannes und Hanna sind zwei Pferde, die auf traurige Weise ihr Zuhause verlieren. Sie leben sechs Jahre lang in d en tiefen estnischen Wäldern, wo sie Elchen und Rehen begegnen, sich bitterkalten Schneestürmen und wildernden Hunden stellen müssen und der hungrige Magen sie oft nicht schlafen lassen will.



Aber die beiden Pferde erleben auch wunderschöne Sommertage voller Sonnenschein und genießen das freie Leben auf saftigen Waldwiesen in der Gesellschaft von Hasen, Störchen und Kiebitzen.

Das Leben von Hannes und Hanna ist plötzlich in Gefahr und die Tage in freier Natur scheinen gezählt. Da geschieht plötzlich ein kleines Wunder...

31. Dezember 2010

Auch in diesem Jahr wird der allerletzte Tag genutzt, allen Freunden und Unterstützern von Hargo Talu einen guten Start in das Neue Jahr zu wünschen, auf daß es sich glücklich gestalten und genießen läßt!

Und damit ist es für mich an der Zeit, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen, noch einmal einzutauchen in die vielen Erlebnisse und Arbeiten auf dem kleinen Hof, Ausblicke und Träume zu überprüfen... und natürlich zu planen.

Der „letzte“ Winter

Spät wurde es kalt, aber dann richtig. Schneeberge von fast 2 Metern Höhe türmten sich auf und die Pferde fraßen bei wochenlangen Temperaturen unter minus 15 Grad (bis knapp minus 30 Grad) unglaubliche Mengen. Der Heulieferant hatte Probleme, seinen LKW zu den fast täglichen Transporten zu überreden, mein Traktor kündigte mitunter seinen Dienst bei dieser Kälte – und mitunter wurden auch mir die Schneestürme zu viel. Gut, daß das Haus im Sommer isoliert worden war, allerdings zeigten sich so manche Schwachstellen, die nur mit vielem Heizen ausgeglichen werden konnten – mitten im Winter tuckerten die Windmühlen-Helfer und ich in den Wald, um alte Fichten herauszuschleppen, ich hatte tatsächlich nicht genug Brennholz. Trotzdem: als der Schnee fast über Nacht verschwand, war ich doch wehmütig: so einen Bilderbuchwinter hatte ich lange nicht mehr erlebt. Und der diesjährige Winter scheint die Fußstapfen des letzten im Schnee gefunden zu haben – es schneit und schneit und schneit...


Frühling läßt sein blaues Band...

Der Frühling brachte aber sofort neue Herausforderungen und eine der notwendigsten Arbeiten stand an: der langsam alt werdende Elektrozaun mußte ausgetauscht werden. Ich hatte mir das recht einfach vorgestellt, schon in den ersten Tagen wurde aber klar, daß praktisch die gesamten 20 Hektar neu eingezäunt werden mußten: neue Litzen und Seile wurden gezogen, fast ¾ der Pfosten mußte ausgetauscht werden, praktisch alle Pfosten wurden neu (und schnurgerade) gesetzt. Eine Arbeit, die fast 2 Monate in Anspruch nehmen sollte – und von den aufblühenden Orchideen belohnt wurde: die rosa Türmchen erinnerten an San Gimignano...

Endlich wurde auch der Speicher wieder von oben bis unten aus- und aufgeräumt. In einem inzwischen leerstehenden Nebengebäude bekam ich endlich eine wunderbare Sattelkammer. Gut sortiert, den Platz bestens genutzt, sind Halfter, Elektrozaun-Isolatoren und natürlich Sattelzeug jederzeit griffbereit.


Leigar – ein Stempelhengst geht...


Der braune Hengst mit der breiten Blesse war kein Pferd, das sofort ins Auge stach. Zudem verschwand er gerne, wenn Bewunderer kamen und machte sich auch sonst nichts aus Streicheleinheiten oder Kontakt. Er lebte 10 Jahre auf Hargo Talu, tatsächlich vom ersten Tag an mit „seiner“ Stute Helbe zusammen und genoß den Altersruhesitz in vollen Zügen.

Leigar bekam Probleme mit den Zähnen, schon vor einigen Jahren waren zwei riesige Backenzähne gezogen worden. Nun wurde es immer schlimmer. Schließlich half nicht einmal das Aufbau-Futter aus Deutschland, das frische Grün, Leigar magerte ab. Schweren Herzens mußte ich ihn erlösen lassen – nicht ohne mich für die letzten 10 langen Jahre und seine wunderschönen Fohlen bedankt zu haben. Er war 26 Jahre alt geworden – ein langes Leben!

Leigar hinterließ ein reiches Erbe, die beiden imposanten Deckhengste Lancelot und Luzifer, auch die bildschönen Stuten Lara und Luisa sind wohl seine auffälligsten Nachkommen – alle haben eines gemeinsam: einen legendär guten, freundlichen Charakter. Hätte man dem mürrischen alten Herrn gar nicht so zugetraut.


Fohlenfreuden – Fohlensorgen

In genau diesen Tagen häuften sich die schlechten Nachrichten. Bei der einen Züchterin war ein Fohlen tot zur Welt gekommen, bei einer anderen war nicht einmal die Mutterstute zu retten. Ich hörte aus allen Ecken Estlands Hiobsbotschaften und war alarmiert. Mit fast zitternden Knien schlich ich zu den Fohlenwachen, war froh um die Austausch-Schülerin Klara Hengst, die mir so manchen Kontrollgang abnahm und sich natürlich unbändig optimistisch auf das Fohlen freute, an das ich kaum noch glauben konnte.

Welche Vorwürfe kann man sich machen, wenn man eine so alte Stute deckt... auch der Tierarzt konnte mir die Zweifel nicht ausreden. Die 23jährige Hanni ist ohnehin ein mütterliches Pferd, sie schien nun mich nahezu beruhigen zu wollen, stupste mich an, lehnte ihren Kopf an mich. Und eines Abends, als ich eine Stunde zu spät zur Fütterung erschien, blieb Hannis Gruppe aus. Rufen half nichts und sofort flogen die Eimer zu Boden, ich rannte zur Herde. Ich kam fast nicht an, mir versagten die Beine den Dienst.

Und da lag es, hob den Kopf und blinzelte mich an – ich lag daneben. Hanni schnupperte an mir, leckte ihr Fohlen trocken und schien sagen zu wollen „ich mache das schon“. Das Fohlen stand recht schnell auf und hier erlebte ich einen dieser magischen Momente: nach dem Euter suchend, am Schweif saugend, stakste das winzige braune Stütchen herum, schien umzufallen, fing sich wieder – und Hanni, die erfahrene, ruhige Hanni bewegte sich geradezu millimeterweise, um dem Fohlen den Weg zum Euter zu erleichtern. Erst hatte ich noch versucht, die Herde abzuwehren, vor allem Hannis schon erwachsene Tochter Luisa schien eifersüchtig zu werden. Aber auch hier belehrte mich Hanni eines besseren: wie der Fels in der Brandung stand sie da, kümmerte sich um das trinkende Fohlen, nichts und niemand brachte sie aus der Ruhe. Es war wundervoll...

Schließlich traf der Tierarzt ein, um die Nachgeburt zu entfernen – und er gestand, nur noch bei mir Fohlen zu sehen. Von der kleinen Braunen mit dem Stern war er hingerissen. Er wagte kaum, sie anzufassen, aber immer wieder bat er mich, die Lampe auf den Zwerg zu richten. Und ich konnte das gut verstehen: das erste Hesperos-Fohlen auf Hargo Talu – die kleine Hesperide ist ein bildschönes Fohlen.

Der Sommer

Eines Tages kamen Emails an – eine Studentin wollte eigentlich gerne auf dem Land leben, Pferde mag sie auch und ob es nicht möglich wäre, wenn sie mich besuchen und vielleicht helfen würde... daraus wurde in wenigen Wochen eine Freundschaft. Die ruhige, immer gut gelaunte Marge kämmte die Ziegen, half beim Fällen einer Fichte hinter dem Haus, betätigte innerhalb kurzer Zeit das Notstromaggregat genauso routiniert wie den Holzspalter und half auch beim Decken, das dank der Sommerhitze nachts stattfinden mußte. Trotz dieser Hitze schafften es die Störche tatsächlich, vier junge Störchlinge großzuziehen, ein kleines Wunder! Schließlich wurde ein neues Rezept legendär für diesen Sommer: der sogenannte "Ute-Salat" aus Nudeln, Tomaten, Mozzarella und ... wird nicht verraten!

Marge verliebte sich natürlich sofort in die kleine Hesperide, die jeden Tag hübscher wurde. Und selbständiger: als Mutter Hanni zum Decken abmarschierte, blieb Hesperide bei den „Tanten“. Kein sehnsüchtiges Wiehern, nichts. Und Hanni, die inzwischen 23jährige alte Dame ist wieder tragend. Selbstverständlich war Hanni vorher gründlich untersucht worden – und nichts sprach gegen eine erneute Bedeckung. Die bildschöne Rappstute Lara erwartet nun auch ihr erstes Fohlen, da der Vater Hesperos ebenfalls kohlschwarz ist, könnte es ein kleiner Rappe werden.

Allerdings: im Grunde spielt das alles keine Rolle: gesund, munter und aufgeweckt – das ist doch am wichtigsten... Und auch einen Gast hatten wir: Lupine, hier geboren, kam „nach Hause“ um ebenfalls von Hesperos gedeckt zu werden. Ich war glücklich, „mein“ Mädel einige Tage beherbergen zu dürfen und natürlich auch über das Vertrauen ihrer Besitzerin Marge Tofert.

Der Hof

Drei Wandergesellen hielten für 2 Tage Einzug auf dem Hof und ihre praktischen Tips und Hinweise halfen mir sehr gut weiter. Allerdings wurde auch Hand angelegt: die im Frühjahr eingesetzte Jugendstiltüre, die ich schon vor mehr als einem Jahr gerettet hatte, wurde noch einmal ausgebaut und fachmännisch eingesetzt, eine Pforte auf dem Heuboden geschreinert – alles rundete schließlich ein wunderschöner Grillabend vor dem Haus ab. Und die Idee, günstig meine alten Fenster zu isolieren, wurde von meinem Vater schon wenige Wochen später umgesetzt: mit Erfolg. An dieser Stelle vielen, vielen Dank!

Mitten in der in diesem Jahr fast unerträglichen Sommerhitze kam es allerdings zu einigen Katastrophen. Einige Stürme fegten über Hargo Talu und kurz entschlossen wurden die beiden kapitalen, aber austrocknenden Fichten hinter dem Speicher gefällt – genau rechtzeitig. Mein Vater war angekommen und konnte gleich loslegen: ein kleiner Wirbelsturm fegte über den Hof, im Haus wurde es für einige Zeit stockdunkel, der Regen prasselte waagerecht vor den Fenstern vorbei. Als wir danach den Hof kontrollierten, fanden wir fast 20 Quadratmeter Unterstand-Dach abgedeckt. Zum Glück waren alle Pferde auf den Koppeln, konnten also nicht verletzt werden. Die beiden Windmüller und mein Vater hämmerten und klopften schon am nächsten Tag so gekonnt die Blechdach-Bahnen zurecht, daß der Schaden sich unerwarteter Weise in Grenzen hielt und schon nach wenigen Tagen behoben war.

Auch am Wohnhaus hämmerte und klopfte mein Vater, die Fenster erhielten blaue Umrahmungen, an den Giebelseiten wurde sogar ein Gerüst aufgestellt, um einige alte Bretter austauschen zu können. Und schon zog der Herbst ein. Dringend mußte der Boden in Hannis Unterstand ausgetauscht werden – eine Arbeit, die die Windmüller und ich in einem Marathon von 12 Stunden vollbrachten. Ich hatte tagelang Muskelkater, und das obwohl ich mit der Hofarbeit doch eigentlich recht fit sein müßte. Aber nun ja: Pferdefütterung und Misten finden eher nicht in der Hocke oder knieend statt... Kaum wieder auf den Beinen verkleideten wir die letzten drei Unterstände, strichen auch gleich und zwar fast in letzter Sekunde: der sehr früh eintreffende Winterschnee ließ uns alles weitere auf nächstes Jahr verschieben... wobei: eigentlich war gar nicht mehr zu schaffen!

Hier möchte ich den beiden Helfern von der Windmühle auch ein kleines Denkmal setzen: ohne deren fachmännische, tatkräftige Hilfe hätte ich weit weniger schaffen können. Ob monatelanger Zaunbau, ob zu fällende Bäume, ob schiefes Scheunentor, gerissener Traktor-Seilzug oder Heuverteilung – mit ihrer Hilfe war alles zu schaffen. Ich glaube noch nie war der Hof in so gutem Zustand und die Liste der anstehenden Arbeiten wurde so schnell kürzer, daß wir wirklich zum Herbst hin alles geschafft hatten, was wir uns vorgenommen hatten. Hier ein ganz dickes Dankeschön an Olju und Meelis!

Das Alt-Tori Pferd – ein großes Projekt

Das Jahr stand nicht nur unter dem Zeichen von praktischer Arbeit und Pferdezucht, sondern war auch gezeichnet von vielen Stunden am Computer, Fahrten in die mehr als 200 km entfernte Hauptstadt und Terminen. Erhaltungsprogramme wurden ausgearbeitet, vom Ministerium zurückgewiesen, Statistiken erarbeitet, die beweisen, daß derzeit Subventionsmißbrauch betrieben und die Population der Alt-Tori Pferde unnötig gefährdet wird, Fahrten zum estnischen Parlament, Termine mit dem Landwirtschaftsministerium und den untergeordneten Behörden reihten sich aneinander. Noch gibt es kein eigenes Zuchtbuch – aber trotzdem wurde vieles erreicht.

Das Alt-Tori Pferd ist inzwischen dank des im Dezember auf Hargo Talu stattfindenden Weihnachtsmarktes und erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit in Estland bekannt geworden. Wir haben mehr als 50 Alt-Tori Pferde registriert, allein im nächsten Jahr werden 4 Fohlen erwartet. Viele unserer inzwischen 100 Mitglieder sind aktiv, begeisterungsfähig und voller Ideen – so haben wir für nächstes Jahr wieder einiges vor: wir geben keine Ruhe, bis wir unser eigenes Zuchtbuch haben. Und endlich die in Estland praktizierte Verdrängungszucht und den Subventionsmißbrauch auf Kosten der Alt-Tori Pferde zu stoppen. Diese Rasse ist zu einzigartig, zu wunderbar, um aussterben zu dürfen!


... und das Neue Jahr?

„Ein Haus wird nie fertig“ – und ein Hof schon gar nicht. Egal, wie viel erreicht wurde in diesem Jahr, es bleibt immer noch etwas übrig und so wartet noch ein Unterstands-Boden auf Erneuerung, die alte Scheune muß stabilisiert werden. Manche der jungen Pferde sind alt genug, auf „eigenen Füßen“ zu stehen und ich hoffe, mit diesen selten gewordenen Alt-Tori Pferden einen neuen Eigentümer erfreuen zu können. Und wichtig, ebenso wichtig wie im vergangenen Jahr wird die Arbeit zum Erhalt der Alt-Tori Pferde sein.

Vielen Dank an dieser Stelle an alle Helfer und Unterstützer von Hargo Talu:
- Achim und Rosi Büttner aus Brandenburg für ihre Fürsorge und Liebe zum Hof
- meinem Vater für die vielen Renovierungen und die Futterorganisation in Deutschland
- den Windmüllern für Rat und Tat auch in kritischen Situationen
- Julie Franke für die Patenschaft, die nun Hesperos genießen darf
- Alexandra und Hanna Simchen für Hannis Patenschaft
- Ingrid Pärg und Marge Muna für ihre Liebe zu Hargo Talu und die tatkräftige Hilfe
- „meinen“ Vereinsmitgliedern, die mich zwar sehr fordern, aber auch glücklich machen
- meinen Verwandten, die immer für mich da sind
- den Tierärzten Dr. Lutz und Dr. Müller aus Deutschland, die mich immer aufrichten
- Klara Hengst für das schönste Dankschreiben, das ich je erhalten habe
- allen weiteren Helfern, Freunden, Unterstützern in aller Welt...


... und natürlich Gerald Wolf, der auch in diesem Jahr alles hier zusammengehalten hat und auf den immer Verlaß ist!


24. Dezember 2010

Und auch in diesem Jahr wünscht Hargo Talu mit seinen Bewohnern allen Freunden, Unterstützern, Helfern, Gästen ruhige, besinnliche Weihnachten. Nur mit Ihnen, Euch - egal wo in der weiten Welt - hätte ich vieles nie schaffen können. Und dafür danke ich von Herzen. Bald ist es Zeit, über das letzte Jahr zu berichten, über die Herausforderungen und Probleme, über das Erreichte und Geschaffte... Frohes Fest!

Häid joule ja kauneid talvepäevad soovivad köik Hargo Talu elanikud oma söbradele, toetajatele, abilistele ja külalistele terves maailmas. Ilma Teieta poleks vöimalik olnud, nii palju jouda. Ja ma leian, et just täna on öige päev, et oma tänusönad öelda.

Merry Christmas and peaceful days... Hargo Talu greets all supporters, friends, helpers and guests all over the world and wants to say "thank you" for all you did for us here. Without you, without your support so much would have been impossible and it is just the right time to be grateful...

Ute Wohlrab
Gerald Wolf
Nathan, Mikesch
Schneck, Pauline, Nikolai
Helbe, Leopoldine, Luna, Hanni, Hesperide, Livia, Hestia, Luisa, Helika, Lancelot, Luzifer, Hela, Lukas, Heliade, Henriette, Lara, Hadrian, Hesperos, Heliodor, Herodes, Hannibal, Leander, Heldor, Hektor
& Sonja, Milla, Rosa

31. Dezember 2009

Allen Freunden und Unterstützern von Hargo Talu wünsche ich einen guten Rutsch und für das Neue Jahr Gesundheit, Lebensfreude und gute Ideen!

Auch in diesem Jahr hat sich wieder viel ereignet, bei so vielen Tieren kann es ja auch gar nicht langweilig werden. Und die erste Überraschung hatten die Ziegen parat - somit beginnt dieser Rückblick mit ihnen!

Die Ziegen
Die im letzten Herbst praktisch vor dem Hungertod bewahrte Ziege Milla fraß sich innerhalb erstaunlich kurzer Zeit ein kugelrundes Bäuchlein an. Ich war so glücklich über diesen schnellen Erfolg und die erwachende Lebensfreude der weißen hornlosen Ziege, daß ich natürlich auch dem Futtermittelhersteller in Würzburg darüber berichtete. Nur... eines Tages gab Milla deutlich weniger Milch. Und immer weniger. Auf einmal schwante mir der Verdacht, daß die gute Milla tragend sein könnte. Daher das kugelrunde Bäuchlein?! Aber... dort, wo ich sie gekauft hatte, war doch gar kein Bock gewesen?! Jedenfalls beantwortete Milla die Fragen eines Nachts mit zwei munteren, plüschigen Ziegenbabies, die im Schnee herumtobten - es war Januar! Max und Moritz waren wirklich herrliche Ziegenböckchen, der eine bekam sehr schnell winzige Hörnchen, der andere blieb hornlos wie die Mutter. Beide fanden ein gutes Zuhause, der kleine hornlose Moritz bei der Windmühle, wo ich ihn im Sommer noch oft auf der Weide sehen konnte und mich überzeugen: der hatte es sehr gut getroffen!

Milla, ihre Tochter Rosa und meine alte graue Ziege Sonja gewöhnten sich im Sommer dann doch noch aneinander und nun stromern die drei Ziegen zusammen auf dem Hof herum, lassen es sich gutgehen, "stehlen" hier Heu bei den Pferden, sammeln dort Äpfel aus dem Gras, finden etwas wohlschmeckendes Laub. Auch jetzt im Winter dürfen sie frei herumlaufen und es ist erstaunlich, wo sie herumkommen.


Abschied von einem Helden...
Auch in diesem Jahr gab es wieder Abschiede. Abschiede, an die man sich nie gewöhnen wird und kann, die auch Jahre später noch schmerzen und die oft doch von Wärme durchdrungen sind, von dem guten Gefühl, die gemeinsame Zeit genossen und überhaupt erlebt zu haben.

Ende April wurde Herr krank. Zum ersten Mal in seiner Zeit hier schien er an starken Schmerzen zu leiden, so schnell es ging, wurde der Tierarzt informiert und ich rief auch in der Pferdeklinik Aschheim an, die mich in solchen Fällen mit Rat und Beistand immer wieder unterstützt. Trotz allem konnten wir ihm nicht helfen - trotz Schmerzmittel ging es ihm kaum besser, die Hilflosigkeit wurde zur Qual. Er lehnte sich an mich, ließ alles über sich ergehen, vertraute mir. Und doch konnte ich ihm nicht mehr helfen. Er starb am 30. April, genau in den ersten warmen, milden Frühlingstagen, die er noch genießen konnte.

Mit Herr ging der letzte der "alten Tori-Pferde", der letzte dieser wundervollen Althengste, die ich noch kennenlernen konnte. Mit Herr ging nicht nur das schönste Pferd des Hofes, mein Lieblingspferd, sondern auch ein letzter Vertreter der alten Garde.

Herr war immer ein sehr anhänglicher Hengst gewesen. Immer hatten wir einige Minuten für uns beim Füttern, nie stürzte er sich etwa auf seinen Trog, sondern wartete immer auf meine Worte, mein Streicheln. Er war - wie sein Name schon sagte: ein Herr. Durch und durch. Wunderschön in seinem Bergauf-Galopp, unglaublich schwerelos in den angedeuteten Kapriolen und so voller Kraft, Energie und strahlender Lebensfreude - ein Pferd wie ihn werde ich nie wieder haben. Und doch bin ich froh, fast 6 Jahre mit ihm verlebt zu haben, wie arm wäre mein Leben ohne ihn gewesen.

Sein Sohn Heliodor tritt allerdings in seine Fußstapfen - in seiner Freundlichkeit, Höflichkeit und den traumhaften Bewegungen wird Herr fortleben...

Hanno, das Pippi-Langstrumpf-Pferd
War schon im letzten Herbst absehbar, daß Hanno nie wieder geritten werden könnte, so zeigten seine Ideen zur Futterbeschaffung und seine Tricks doch sehr deutlich, daß er noch lange sein Gnadenbrot haben könnte. Er hinkte, die Arthrose machte ihm an manchen Tagen zu schaffen. Trotzdem genoß er sein Leben, war zur Fütterungszeit überall gleichzeitig und klaute auch wie ein alter Profi. Wieder konnte ich ihn den ganzen Sommer frei herumstrolchen lassen und meist sah man den riesigen Wallach mit den Ziegen im Schlepptau. Obwohl ich ihm Frühling immer wieder Zweifel hatte, immer wieder an Einschläfern dachte, ging es ihm in der warmen Jahreszeit so gut, daß alle Gedanken daran verworfen wurden. Hanno kam hervorragend mit seinem kranken Bein zurecht und ließ keinen Zweifel daran, daß es ihm gut ging.

Im Spätherbst verschlimmerte sich die Lahmheit. Hanno schlich auf den Reitplatz, legte sich stundenlang hin, auch das Heunetz lockte ihn kaum noch. Zwar wieherte er leise, wenn das geliebte Kräutermüsli kam, aber ich wußte, daß ich nicht das Recht hatte, zuzusehen, wie er sich quält. Am 3. Dezember wurde Hanno eingeschläfert, er starb in meinem Arm.

Hanno war in einer Reitschule viel zu früh eingesetzt worden. In einem Alter, in dem normalerweise junge Pferde auf der Koppel ihre Kräfte proben, mußte er bereits stundenlang im Springtraining sein Futter verdienen. Die 2,5 Jahre, die er noch bei mir leben konnte, waren das Gnadenbrot, das ihm weder seine Vorbesitzerin noch die vielen Reitschüler ihm gegönnt hatten. Keiner von ihnen besuchte Hanno je - keiner richtete Grüße aus. Er war ausrangiert wie ein altes Werkzeug - und ich bin froh, ihm einen glücklichen Lebensabend geboten zu haben - aber er wurde nur 16 Jahre alt. Wie gerne hätte ich ihm noch viele Jahre auf Hargo Talu geben wollen. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie der nächste Sommer wird, wenn Hanno nicht morgens vor der Türe steht, um mich zu begrüßen... mein Spanier, mein guter, alter Freund...

Hilvi
In einer Kälberkolchose hatte ich sie gefunden, ein scheues, mit Menschen praktisch nicht vertrautes Pferd - und sofort gekauft. Sie hatte mit Gerstenmehl, Silage und in einem unglaublichen Gestank überlebt und es brauchte lange, bis die Koliken aufhörten, bis die Hufe hart wurden und Hilvi Vertrauen faßte. Hilvi brachte hervorragende Fohlen, denen sie vor allem ihren ausdrucksvollen Kopf und die klugen, schönen Augen vererbte.

Hilvi starb an schließlich an einer Kolik - kurz nachdem sie noch vom Tierarzt untersucht worden war und dieser Entwarnung gegeben hatte, fand ich sie tot auf der Koppel. Lange Gespräche mit der Pferdeklinik Aschheim halfen mir schließlich über den sehr plötzlichen Tod der mit 16 Jahren viel zu früh gestorbenen Stute hinweg. Wir vermuten, daß die sehr mangelhafte Aufzucht und die in den wichtigsten Lebensjahren katastrophale Fütterung eine Vorschädigung verursacht hatten - damit sind auch die immer wiederkehrenden Koliken zu erklären.

Hilvi hatte ein unbeschwertes Leben auf Hargo Talu, sie war eine wunderbare Mutterstute für ihre Fohlen, ein verschmustes Pferd, dessen Nachkommen ebenso anhänglich sind. Alle ihre Nachkommen sind ihr sehr ähnlich, sie werden mich immer an die anhängliche Hargo-Tochter erinnern - und ich bin froh, ihr 12 sorglose Jahre geschenkt zu haben, als ich sie kaufte, drohte der Transport nach Italien...


Hargo Talu - wie gut, daß das Leben einfach weitergeht...

Helbe brachte im April ein munteres, aktives, großes Stutfohlen zur Welt. Wie immer gab es Probleme mit der ersten Milch und der Nachgeburt, routiniert rief ich alle 5 Tierärzte an, denen ich in solchen Fragen vertrauen kann - routiniert steckte ich die Absagen ein, schließlich sagte Tiit Siiboja zu und verschob die Planung für den Rest des Tages. Aber... in der Zwischenzeit hatte das kastanienbraune Fohlen zwar schon einige Runden um die Mutter gedreht, aber keinerlei Interesse am Euter gezeigt. Dort tropfte die Milch - und mein milchgetränkter Finger wurde kaum beachtet. Der immer wieder sichtbare Saugreflex zeigte aber unmißverständlich, daß dieses kleine aufgedrehte Fohlen noch keine Milch erhalten hatte! Ich rannte. Alles stand im Speicher griffbereit, Schüssel, riesige Spritze ohne Nadel, Trichter, Fläschchen... ich schnappte mir alles und nahm sicherheitshalber eine Longe mit und raste zurück. Helbe stand seitlich am Unterstand und ich vermutete die Kleine schlafend im Heu. Während Helbe die Schüssel inspizierte (nichts zum Fressen) - hörte ich etwas. Und kniete mich hin. Lautes Schmatzen eine rosa Zunge am Euter und unüberhörbares Schlucken zeigten, daß dieses kleine Untier mich tatsächlich an der Nase herumgeführt hatte. Die Kleine trank und trank und trank. Daß hinter mir sowohl die Schüssel als auch das Fläschchen professionell von Helbe zerlegt wurden, bekam ich gar nicht mit. Die Tränen rannen mir über das Gesicht - die kleine Stute hatte die erste Hürde ihres Lebens genommen...

Nach einiger Zeit kam der Tierarzt, der aufgrund der Größe und Aktivität der kleinen kastanienbraunen Schönheit sofort den Witz wagte: "welches ist denn jetzt das Fohlen???" und Helbe von der Nachgeburt befreite. Schon wenige Stunden später war die ganze Familie unterwegs: Helbe mit der kleinen ständig rennenden Neugeborenen, mit etwas Sicherheitsabstand der immerhin schon 25jährige Vater Leigar und dahinter die 2jährige Luna. Wenige Tage später hatte das Stütchen einen Namen: Leopoldine - und Luna war nicht mehr sicher vor ihr, was einfach nur herrlich anzusehen war: die immerhin schon recht massive Luna hatte ihre liebe Not mit Poldinchen - kam aber immer besser in Form...

Ansonsten gab es wenige Veränderungen bei den Pferden. Zwar mußten nun, da Herr nicht mehr lebte, die beiden Stuten Henriette und Hilvi in bereits bestehende Herden integriert werden, was mit vielen Zaunreparaturen und schlaflosen Nächten bezahlt wurde, aber schließlich kehrte auch hier Ruhe ein.

Im Spätsommer bewarb sich eine Helferin auf Hargo Talu, die ein Jahr lang in Dänemark gearbeitet hatte und sich so schnell einlebte, daß ich mir fast nicht mehr vorstellen kann, wie es vorher gewesen sein könnte. Ingrid freundete sich mit allen Pferden auf Anhieb an, verliebte sich in Luzifer und brachte ziemlich viel frischen Wind in den Hof. Schneller als ich mich versah, saß sie bereits auf dem gesattelten Lancelot, der friedlich sein Heu kaute, begann, den Beritt der beiden Hengste mit mir zu besprechen. Und tatsächlich: die ersten Schritte unter dem Sattel haben beide mit Bravour abgelegt, beide sind zuverlässig, bemüht, gutmütig und die Arbeit mit ihnen macht unbeschreiblichen Spaß. Auch Livia kam in den Beritt und stellte sich von Anfang an so hervorragend an, daß ich von der hübschen Hilvi-Tochter immer begeisterter wurde. Obwohl Livia im Grunde zum Verkauf steht, überlegen wir immer wieder, ob die zuverlässige, nervenstarke, verschmuste Hilvitochter nicht vielleicht doch...


Was man nicht alles schaffen kann...


In diesem Jahr wurde bei den Pferden wenig verändert. Einige Zäune wurden gebaut, vor den Unterständen wurden große Mengen Schotter eingebracht, um die Trittfläche zu befestigen, aber es war wohl das erste Jahr, in dem bei den Pferden wenig zu schaffen war. Trotzdem: ein Haus wird nie fertig, ein ganzes Gehöft schon gar nicht und natürlich wurde der Sommer alles andere als langweilig.

Da die Wirtschaftskrise in Estland zwar einige Probleme mit sich brachte und bringt, so konnte man auch davon profitieren, wenn man wollte: Baumaterialien waren plötzlich so billig, daß es sich anbot, einen alten Traum hervorzukramen und ihn Gestalt annehmen zu lassen: das ungenutzte Obergeschoß wurde kräftig isoliert und ausgebaut. Mit einfachsten Mitteln, mit vielen guten, geldsparenden Ideen und immer auch mit dem Problem, meinen liebevoll "Bauigel" genannten Helfern zu erklären, daß es sich um ein einheitliches, einfaches, romantisches Bauernhaus handelt, nicht um ein Schloß...

Eine der skurrilsten Aktionen dieses Ausbaus war ganz sicher das Finden der Treppe... meine Freunde Marina und Udo aus Deutschland waren im Frühling wieder zu Gast, halfen wie die Brunnenputzer und eines Abends ergab sich, daß Marina die alten, halbverfallenen Gebäude der ehemaligen Gutsanlage von Puka besuchen wollte. Es war ein herrlicher, milder, sonnenuntergangs-leuchtender Abend, ideal, um eine kleine Erkundungstour zu unternehmen. Während Marina die alten Ziegelwände ansah, um die Gebäude ging, ich ihr das eine oder andere an lokalen Legenden, Geschichten und auch so manches über die Anlage und Nutzung der Nebengebäude von baltischen Gütern erzählte, erforschte ich die Gebäude von innen, was von Marina ärgerlich-besorgt mit "du mußt Deinen Kopf aber auch in jedes dunkle Loch stecken!!!" - nun plötzlich standen wir aber in einem halbverfallenen Häuschen vor einer Treppe... Warum ich sofort wußte, daß es "die Treppe" ist, kann ich nicht erklären. Marina glaubte mir kein Wort.

Trotzdem rasten wir zur nahegelegenen Tankstelle, liehen uns ein Maßband, rasten zum Haus, um die letzten Sonnenstrahlen noch auszunutzen und maßen. Ich schrieb mir alles auf, sah mir die schmale, etwas steile und doch sehr massive Treppe an, die zum Teil von Ziegeln einer eingefallenen Wand verschüttet war. Wir fuhren nach Hause. Udo schimpfte. Mein Vater erklärte mich schlichtweg für verrückt, auch Gerald hegte Zweifel an der Idee, eine alte Treppe zu verwenden, die ohnehin nie passen könnte. Alte mathematische Formeln wurden herausgekramt, das Gästezimmer vermessen, im Obergeschoß war der Ausbau ja erst angefangen und gab noch wenig Hoffnungen, aber auch dort kletterten wir mit Maßband, Zettel und Stift herum. Schließlich war klar: wenn wir die Treppe kriegen könnten - die wäre es.

Stundenlange Behördengänge schlossen sich an, ein Betrunkener verkaufte die Treppe für ein paar Flaschen Bier - wir legten los, Notstromaggregat und Kettensäge. Es muß eindeutig am guten Willen der Treppe gelegen haben, daß wir das schwere, massive, riesige Ding überhaupt auf den Anhänger manövrieren konnten. Und im Losfahren wurden wir angehalten... wie sich herausstellte, waren wir vom Grundbuchamt falsch über den aktuellen Eigentümer der Ruine informiert worden und hier stand nun der "echte". Nach einer kurzen Diskussion waren wir uns handelseinig: er brauchte die Treppe nicht, er wollte nur verhindern, daß sie zu Brennholz verarbeitet würde und käme dann mal vorbei, um einen Preis auszuhandeln. Was sich dann allerdings tatsächlich Monate später ereignete: er kam, sah die inzwischen eingebaute Treppe (die wirklich paßte, als sei sie für MEIN Haus entworfen und geschreinert worden) und schenkte mir die Treppe - ganz feierlich wurde sie übergeben. Und ich bin glücklich, dieses sicher 300 Jahre alte, robuste und doch schöne Beispiel guter Schreinerarbeit gerettet zu haben...

Der Ausbau oben zog sich allerdings fast über das ganze Jahr hin - mal bestand Geldmangel, mal kamen die Helfer über Wochen nicht, dann wurden die Fenster nicht fertig, aber plötzlich mußten nur noch Regale gebaut werden, Möbel gefunden, Tapeten ausgesucht, Farbe gemischt... Eine Schneiderin setzte meine Ideen für erstaunlich wenig Geld um, nähte unzählige Kissen und Anfang November, pünktlich zum Interview-Termin mit einer der wichtigsten estnischen Zeitschriften "Maakodu" war alles fertig. Ein wirklich gelungener Artikel mit hervorragenden Bildern waren dann die Lorbeeren für meine Schufterei und Kreativität. Selten habe ich einen Artikel so ungeduldig erwartet! Und wirklich: alles ist richtig schön und gemütlich geworden - vor allem, seit der in Deutschland ersteigerte Kanonenofen bullert...

Mitten in diese Zeit fiel aber ein Erlebnis, das kaum zu beschreiben ist: eine alte Dame, die immer wieder Pferdedung von mir geschenkt bekommen hatte, bat mich, ihr zu helfen: ihre Freundin war vor 14 Jahren gestorben, hatte ihr das Häuschen hinterlassen und nun, da sie selbst alt sei, wollte sie die Möbel der Freundin in guten Händen wissen. Mir war nicht klar, warum gerade ich diese "guten Hände" haben sollte, aber die alte Dame erklärte weiter, daß schöne alte Möbel heute nicht mehr geschätzt würden und sie handgeklöppelte Vorhänge verschenkt hätte, die dann Beerenbüsche anstelle Fenster zierten und so hatte sie jahrelang überlegt und gesucht, wem sie die Möbel schenken könnte. Ich konnte es nicht glauben. Mein Vater war gerade in Estland, wir isolierten eigentlich gerade die Außenwände in einem Tempo, das uns ohnehin keiner glauben würde - und wir fuhren mit der alten Dame ins Häuschen.

Was uns erwartete, war praktisch ein Museum. Die Zeit war stehengeblieben, es gab nichts Modernes - und mir wurde klar, wie sehr ich mich an diesen "Fortschritt" in den alten Bauernhäusern schon gewöhnt hatte. Nur: diese traumhaften, wertvollen Möbel... die konnte ich mir nicht schenken lassen. Es gibt Grenzen... das ging zu weit. Niemals...

Ich machte ganz vorsichtige Versuche, mit der alten Dame darüber zu verhandeln und schließlich ließ sie sich darauf ein, daß mein Vater und ich das gesamte Haus ausräumen würden, unbrauchbare Dinge selbst entsorgen (was heutzutage leider in Estland ein Problem ist) und sogar das Brennholz mitnehmen - aber sie müßte dem zustimmen, daß ich keinesfalls die Möbel geschenkt nehmen würde. Wir einigten uns. Und wahrscheinlich habe ich jetzt das schönste Gästezimmer Estlands...

In das übrigens recht schnell ein Dauergast einzog. Eines Abends fand ich vor dem Haus auf dem Tisch einen schwarz-weißen Kater, der mich fröhlich begrüßte. Ich weiß, es klingt seltsam, aber so war es. Der Kater lag mit einer Selbstverständlichkeit auf dem Tisch, maunzte mir so altbekannt zu, daß es eher den Anschein hatte, ICH sei neu hier... Naja, gut, ich holte also eine Transportkiste und Futter. Hier war also wieder einmal ein Tier auf meinem Hof ausgesetzt worden, das irgendjemandem im Wege war.

Paulinchen, der etwas tapsige Hund, wollte allerdings sofort spielen und als ich endlich mit Transportkiste, Futter und Schlafdecke ankam, war der Kater bereits auf den übernächsten Baum geflüchtet - und was ich erst jetzt sah, schockierte mich dann doch! Ein Hinterbein war zum Teil abgeschnitten - es sah grauenhaft aus. Die Entzündungen waren nicht etwa frisch, sondern (wie die Tierärztin bestätigte) wahrscheinlich jahrelang unbehandelt geblieben... um Himmels Willen... aber der Kleine brauchte Hilfe! Mitten in der Nacht organisierte ich einen schnellstmöglichen Tierarzt-Termin bei meiner Freundin Riina und fing den Kater ein... ich brachte ihn in die Tierklinik und hörte mir Riinas vorsichtige Bemerkungen zu Einschläfern und besser so geduldig an. Als ich die Transportkiste öffnete, änderte sich Riinas Meinung schlagartig: sie schmolz in Sekundenschnelle - der kleine Kater begrüßte jeden der Anwesenden freundlich, kuschelte sich an die Tierärztin und schnurrte - und wir stimmten überein: dieser zähe Kerl hatte bisher alles überstanden, dem mußte geholfen werden.

Erst sagte der estnische Tierschutzbund finanzielle Hilfe zu, die dann aber nie eintraf - und trotzdem fanden sich gute Menschen, die diese wirklich sehr teure Amputation finanzierten: ich hatte in "Facebook" um Hilfe gebeten und Tierfreunde in der ganzen Welt nahmen Anteil an "Mikeschs" Genesung. Inzwischen geht es dem verschmusten Kater bestens, er hat im Speicher die ersten Mäuse gefangen, seine Behinderung macht ihm nichts aus - im Gegenteil: er scheint zu genießen, daß er gerade deshalb von allen besonders beachtet und geliebt wird!


Pläne, Ausblicke und wieder viel zu tun!
Es wurde viel erreicht in diesem Jahr, wobei natürlich immer noch jede Menge zu tun bleibt: einige der Böden in den Pferdeunterständen müssen im Frühling ausgetauscht werden, die Ausbildung der jungen Pferde soll natürlich mit Ingrids Hilfe weitergehen, sobald das Wetter es wieder zuläßt und Hanni, die gute, alte Hanni, ist tragend! Auch wird der Verein zum Erhalt der Alt-Tori-Pferde wieder viel Zeit in Anspruch nehmen: nach wie vor ist eines meiner wichtigsten Ziele, diesen wundervollen Pferden ein eigenes Zuchtbuch zu schaffen.

Vielen Dank an dieser Stelle an alle Helfer und Unterstützer von Hargo Talu:
- Udo und Marina für ihren tatkräftigen Besuch und die vielen Geschenke für die Tiere
- meinem Vater für die Isolation des Hauses und die Futterorganisation in Deutschland
- Julie Franke für die Patenschaft, die Hanno in seinen letzten Monaten begleitete
- Stefanie Witz, die Leviathan ein wundervolles Leben bietet und ihn wirklich liebt!
- Hans und Antje Brühl aus Schnittlingen für ihre Hilfe und die gute Laune
- Ingrid Pärg für ihre Liebe zu Hargo Talu und die tatkräftige Hilfe
- meinen Facebook-Freunden, die Mikeschs Lebensrettung ermöglichten und erleichterten
- meinen Verwandten, der Familie Friedl in Karlsfeld für die neuen Regale im oberen Zimmer
- der netten alten "Oma Vilja", die mir die wunderschönen Möbel anvertraute

... und natürlich Gerald Wolf, der das alles hier zusammenhält und auf den immer Verlaß ist - auch wenn ausnahmsweise einmal alles rund und gut läuft!

24. Dezember 2009

Besinnliche Weihnachten und geruhsame Feiertage wünschen alle Bewohner von Hargo Talu ihren Freunden, Unterstützern, Förderern, Helfern und Gästen in der ganzen, weiten Welt. Ohne Sie alle, ohne Euch wäre hier vieles nicht möglich und ich finde, heute ist der richtige Tag, um Danke zu sagen - und über das vergangene Jahr nachzudenken, das kommende Jahr zu planen und sich auf die nächsten Aufgaben und Abenteuer zu freuen...

Häid joule ja kauneid talvepäevad soovivad köik Hargo Talu elanikud oma söbradele, toetajatele, abilistele ja külalistele terves maailmas. Ilma Teieta poleks vöimalik olnud, nii palju jouda. Ja ma leian, et just täna on öige päev, et oma tänusönad öelda.

Merry Christmas and peaceful days... Hargo Talu greets all supporters, friends, helpers and guests all over the world and wants to say "thank you" for all you did for us here. Without you, without your support so much would have been impossible and it is just the right time to be grateful...

Ute Wohlrab
Gerald Wolf
Nathan, Mikesch
Schneck, Pauline, Nikolai
Helbe, Leigar, Leopoldine, Luna, Hanni, Livia, Hestia, Luisa, Helika, Lancelot, Luzifer, Hela, Lukas, Heliade, Henriette, Lara, Hadrian, Hesperos, Heliodor, Herodes, Hannibal, Leander, Heldor, Hektor
& Sonja, Milla, Rosa

23. Dezember 2008

Allen Freunden von Hargo Talu wünschen wir besinnliche Weihnachtstage und alles, alles erdenklich Gute im Neuen Jahr...

Häid Jôule ja head vana-aasta lôppu soovivad kôik Hargo Talu elanikud oma sôpradele terves maailmas...

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Es hat viele Veränderungen gegeben, nicht alle sind positiv, daher auch die lange Pause... man kann manchmal nicht schreiben, man möchte es nicht und als wäre es erst wahr und erlebt, wenn man es aufgeschrieben hat, so drängt man es weg.

Abschied
... und doch ist einer, der all dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
(Rilke)

Hund Hippo hat mich in diesem Herbst verlassen, ich habe sein Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug begleiten können und möchte ihm noch einmal für die wundervollen, langen Jahre danken. Wie alle meine Hunde hatte er ein wundervolles Hundeleben, selbst wenn der Jagdtrieb zu stark wurde und er nach Stunden hechelnd, aber glücklich nach Hause kam, wurde er mit Leckereien und Schmusen verwöhnt... man muß einen Hund ja loben, wenn er nach Hause kommt.

Der größere Schock war aber Wurfels Tod. Der kleine schwarze Schäferhund sollte nie ganz erwachsen werden. Ein angeborener Nierenschaden beendete sein Leben schon nach einem Jahr, 10 Monate nur hatte er auf Hargo Talu genießen können: Ziegen jagen, Pferde anbellen, um Wasserlachen herumrennen. Er war glücklich, ganz sicher - von seiner Krankheit erfuhr ich erst wenige Tage vor seinem Tod und es ging alles viel schneller als wir alle befürchtet hatten. Wurfel, eigentlich Caesar (ein Name, in den er nie hineinwachsen durfte), hat mit seinem riesigen Herzen, mit seiner Ruhe und unbeirrbaren Gelassenheit eine große Lücke hinterlassen.

Und schließlich nahmen die Ziegen Eva und Lena Abschied. Eva war ja seinerzeit hier auf Hargo Talu zur Welt gekommen, ich hatte sie in der Küche mit dem Fläschchen großgezogen (naja, groß wurde sie nie). Sie war 10 Jahre alt, als der Tumor im Euter zu einer Qual wurde. Lena mit ihren riesigen Hörnern blieb wohl vielen im Gedächtnis und hatte ein herrliches Leben hier. Sie war es, die ausheckte, wann der Flieder- oder Rosenbusch vor dem Haus massakriert wurde. Lena war enorm anhänglich, clever wie praktisch alle Ziegen und sie schlief eines Abends friedlich ein. Im Alter von 12 Jahren...


Rückblicke auf ein erfülltes Jahr

Das Jahr auf Hargo Talu war erfüllt - mit traurigen, aber auch mit erfreulichen Erlebnissen. Langweilig wurde es nie, wenn der unsägliche Dauer-Regen auch langsam aufs Gemüt gehen konnte.

Die im Januar angeschaffte Haferquetsche war wohl eine der besten und richtigsten Investitionen für den Hof. Auch das noch immer funktionierende organisatorische Wunder, Derby-Futter aus Deutschland zu bringen, stellte sich als richtig und sinnvoll heraus: beide Hengstfohlen Heldor und Hektor sind sehr kräftig - und auch die Mütter machen sich bestens. Sahen die Pferde hier schon immer gut aus, war doch noch eine Besserung zu erkennen und ich freue mich über durch und durch gesunde Pferde. Sogar die Milchziege Sonja bekommt Derby-Futter, ihr Fell glänzt, sie gibt weiterhin beste Milch.

Aber es gibt auch schöne Ereignisse, die berichtet werden wollen. Hanno war noch den ganzen Sommer bis in den November frei auf dem Hof unterwegs und graste, zerpflückte Heurollen, bis es zu matschig wurde und seine riesigen Hufe zu tiefe Fußangeln hinterließen.

Leigar wurden zwei Backenzähne gezogen und nun nimmt er endlich wieder zu - es war die letzte Hoffnung, dem 24jährigen Hengst noch einen guten Lebensabend zu bescheren. In diesem Jahr hat Leigar allerdings noch einmal seine Althengstpflichten wahrgenommen. Nachdem er sich im letzten Jahr strikt weigerte, hatte ich mit einer ohnehin längst angebrachten Pensionierung gerechnet. Er lebt mit seiner Stute Helbe, seinen Nachkommen Leander und Luna zusammen, es gab keinen Grund diese Wohngemeinschaft zu stören... nun erwarten wir hier schon im März Nachwuchs von Helbe, auf den ich mich natürlich besonders freue.

Hanni sollte mit ihren 21 Jahren ebenfalls noch gedeckt werden und ich entschied mich für Hesperos - was hervorragend klappte. Auch bei Hanni ist es fraglich, ob noch mit Fohlen gerechnet werden kann, da sie aber die schönsten und beeindruckendsten Nachkommen gestellt hat (der gekörte Lancelot, die hervorragend bewertete Luisa), wollte ich es noch einmal versuchen. Außerdem ist Hanni wirklich die wunderbarste Pferdemama, die man sich vorstellt...

Und - es ist so wunderbar zu schreiben: die Pferde blieben alle gesund, munter und fröhlich, es gab weiter keinerlei Katastrophen oder Ereignisse, die tägliche Fürsorge war doch erfüllend und bereichernd. Trotz dem sehr schlechten Heujahr (im Norden Estlands konnte praktisch kein Heu gemacht werden) sind die Vorräte gesichert und die Pferde werden bestens über den Winter versorgt sein - eine Sorglosigkeit, die nicht jeder Stall in Estland teilen kann.

Arbeiten, Schuftereien und - geschafft!!!

Nicht nur das Brennholz wurde in diesem Jahr im eigenen Wald geschlagen, was mich noch immer mit Stolz erfüllt - und das Gefühl, die mit eigener Kraft erarbeiteten Holzscheite in den Ofen zu stecken, kann ich nicht beschreiben! Im Oktober kam mein Vater, um zu helfen gleich danach kamen Marina und Udo. Und nun an dieser Stelle an alle ein RIESENGROSSES DANKESCHÖN!!!

Mein Vater und ich hatten dieses Mal große Pläne und legten recht schnell los. Zuerst wurde ein neuer Unterstand gebaut, neben den "Waldbrüdern", um den vorübergehend eingestellten Jährling Sangar und meinen Hannibal zusammen unterzubringen. Da Sangar immer wieder Menschen angriff, wurde er von der Besitzerin abgeholt - so zog Hanno zu Hannibal ein und fühlt sich sichtlich wohl. Mit seiner ruhigen Art ist er für den manchmal hektischen Hannibal gar kein schlechtes Vorbild!

Dann wurden Türen in die Wände der großen Unterstände eingebaut, um das Füttern und Misten zu erleichtern - und diese Idee zahlte sich aus. War der Sommer schon mehr als nur verregnet, kamen im Herbst Wolkenbrüche, bei denen man unweigerlich an Fischerstiefel und Schlauchboote denken mußte. Misten wäre ohne diese Türen gar nicht mehr möglich gewesen. So aber waren die Unterstände bestens zugänglich und kraftsparend sauber zu halten. Auch das Hühnerhaus bekam eine neue Türe, die alte hing dann doch sehr schief in den Angeln und wurde immer schiefer...

Als Udo und Marina kamen, ging es im doppelten Tempo weiter - nun waren wir zu dritt und als zusätzliche Verstärkung kam später auch noch Kristin aus Nordostestland dazu. Am ersten Tag kauften wir die Ziege Milla mit ihrer Tochter Rosa aus dem Nachbardorf, deren Besitzerin zog ins Ausland. Die beiden weißen Ziegen lebten sich enorm schnell ein, zeigten aber auch einen fast besorgniserregenden Appetit. So ganz gut scheint es ihnen in ihrem alten Zuhause nicht gegangen zu sein! Milla gab jede Menge Milch - allerdings nur etwa 4-6 Wochen lang. Noch immer wächst der Bauchumfang ständig und schon bald werden wohl wieder kleine Zicklein den Hof bevölkern...

Udo, Marina und ich schafften es trotz einbrechender Dunkelheit in einem einzigen Tag, das letzte (aufgebende) Dachpappedach mit Blech zu decken und nun wird das Heu auch wieder trocken gelagert. Die winzigen Reste paßten genau auf das Pumpenhäuschen. Die letzte Unterstandstüre bei Hela hatte mein Vater zeitlich einfach nicht mehr schaffen können, zum Glück war Udo gerne bereit, das zu erledigen. Marina, Kristin und ich bauten so lange den Zaun für den neuen Unterstand und Kristin grub das Internetkabel ein (danke!!). Ein Strahler in Richtung Ziegen wurde installiert, der neue Verkaufsraum bekam seine Verlattung. Und der letzte Tag hätte dann frei sein sollen. Hätte... es goß so in Strömen, mit dem Ergebnis, daß die neuen Ziegen praktisch in einem See wohnten. Nur das Häuschen war noch im Trockenen. Also schafften wir Kies mit Schubkarren ins Ziegenpaddock, nur am Abend konnten wir dann noch einmal schön essen und einkaufen gehen... trotzdem waren wir uns einig: es war einfach eine herrliche Zeit!!!

An dieser Stelle noch einmal vielen, vielen Dank an meinen Vater, Udo und Marina!!!

Das Leben geht weiter

Kurz nach der Abreise meiner Gäste war ich allein - und auch Wurfel ging... Tierheimhund Schneck, normalerweise nur auf dem Hof tobend, durch Pfützen rasend und Ziegen jagend zu sehen, war wie ausgewechselt. Sie trauerte. Lag auf einem Kissen in der Ecke, in der immer Wurfel geschlafen hatte, sah mich aus ihren großen braunen Augen an. Kein Bellen, kein Laut. Ich setzte mich so oft zu ihr und wir lehnten uns aneinander. Immer wieder flossen Tränen. Trotzdem begriff ich, daß das Leben weitergehen mußte - und zwar schnell! Ich hatte ohnehin einen dritten Hund aufnehmen wollen, der Hippos Nachfolge antreten sollte, hatte schon ab und zu in Anzeigen nachgesehen und so wurde ich aktiv: ein "Hundefräulein, geimpft, 5 Monate alt" wurde in der einen Anzeige sehr klar und liebevoll beschrieben. Sollte es wirklich noch Hundehalter geben, die sich Gedanken machten, wohin sie den Nachwuchs entsorgten? Ein Telefonat überzeugte mich. Und die Hundehalterin stand mir bei: sie nahm kurzerhand Urlaub, packte den Hund ins Auto und kam. Nicht erst am Wochenende, wie vereinbart, sondern nach 3 Tagen. Ich bin heute noch froh und dankbar und wir stehen in engem Kontakt.

Der kleine Hund war scheu, ungezogen und da im Garten aufgewachsen, noch nicht damit vertraut, daß man weder auf Tische noch in Kühlschränke klettert, daß man kommt, wenn man gerufen wird und Gäste nicht anfällt. Aber erstaunlich schnell lebte sich das anfangs "Kleinviech", später "Pauline" genannte Hundefräulein ein. Inzwischen stehen die riesenhaften Ohren, die kleinen, immer blitzenden Knopfaugen scheinen ständig irgendwelche Pläne widerzuspiegeln und nun muß man schon zwei Mal hinsehen, wer wen jagt: Schneck und Pauline haben ähnliche Schäferhund-Färbung, wobei Schneck sehr schmal (und schnell) ist, Pauline etwas breiter und massiver zu werden scheint.

Und am Nikolaustag rief mich die Tierärztin an, die längst zu einer guten Freundin geworden ist... ein ausgesetzter Hund, Rüde, ein, zwei Jahre alt. Ein gaaaaanz lieber Kerl. Meine Alarmglocken schrillten, ich war von der harten Arbeit in der Kälte so fertig, daß ich mich grade hinlegen wollte, ohne noch zu essen. Aber soooo ein liiiiieber Kerl und es wäre so schade, wenn er im Tierheim... ich wüßte doch selbst, wie die Tierheime in Estland... und sie bringt es nicht übers Herz... ich weiß, daß die Tierärztin mir keinen ungezogenen Kläffer anhängen würde. Und daß sie, hätte sie nicht bereits 5 Hunde, wahrscheinlich diesen so lieben Hund sofort eingepackt hätte... trotzdem... so auf einmal?! Ich sagte zu.

Eine Stunde später trugen die Tierarzthelferinnen einen weißen Hund mit schweinchenrosa Nase in die Küche. Er legte sich auf den Boden und sah nicht einmal auf. Ich kniete mich zu ihm. Keine Reaktion. Ein wenig - das gebe ich zu - hatte ich Angst, wer weiß, wie ein so schockierter Hund reagiert, trotzdem begann ich sehr langsam und vorsichtig, ihn zu kraulen. Keine Reaktion, auch nach Minuten nicht. Er lag einfach nur da. Als ich die Hand wegzog wieder - keine Reaktion. Und doch... nach einigen Minuten fühlte ich, wie meine Hand von unten warm wurde und sah hin: er hatte seine Nase unter meine Hand geschoben, sich zu mir gewagt. Ich weinte fast... kraulte, streichelte und als ich aufhörte, um Tee für die Gäste zuzubereiten, schob sich fast ein wenig fordernd die rosa Nase unter meinen Arm... er hatte gewonnen. Ein wundervolles, verfrühtes Weihnachtsgeschenk... und da es Nikolaustag war, bekam er auch den passenden Namen: Nikolai. Zar Nikolai.

Inzwischen rast er mit Schneck und Pauline über den Hof, tobt und spielt, nach Wochen der extremen Anhänglichkeit, selbst zu den Pferden folgte er mir wie ein Schatten, beginnt er zu leben. Die Wunde am Vorderbein, die er mitgebracht hatte, heilt endlich, wahrscheinlich war er angefahren worden. Und das Erstaunliche: schon nach einem Tag hatte ich das Gefühl, er sei schon immer da gewesen... Nikolai hatte wohl irgendwie gefehlt...

Ich schließe hier meinen Bericht. Heute wird Lupine in ihr neues Zuhause umziehen, ich muß noch vieles einpacken, vorbereiten. Die neue Besitzerin hat in einem tragischen Unfall ihre Stute verloren und wie gut kann ich verstehen, daß die Trauer zu groß wird, wenn man sich nicht schnell eine neue Aufgabe sucht. Lupine mit ihren großen Kulleraugen, die anhängliche, verschmuste, liebe Goldfuchs-Stute mit dem mammutähnlichen Kuschel-Winterfell wird ganz bestimmt für Abwechslung sorgen - und sie wird trösten, da bin ich ganz sicher... wieder ein Abschied, dieses Mal aber kein trauriger: ich weiß, daß Lupine in allerbeste Hände kommen wird, ich weiß, daß die Entscheidung, selbst zu verzichten und hier zu helfen, die richtige ist.

Hargo Talu kommt zur Ruhe...

Und so eine richtige Entscheidung bringt dann doch auch eines mit sich: eine friedliche, glückliche Stimmung, genau richtig für Weihnachten und die ruhigen Tage, die nun endlich auf Hargo Talu einziehen werden. Noch hängt nur eine einzige Christbaumkugel als Weihnachts-Dekoration im Wohnzimmer, als wäre sie vom letzten Jahr vergessen. Aber ganz leise schneit es, ganz still ist es geworden und nun kann Weihnachten kommen, ich bin bereit. Auch innerlich.

Und ich möchte es für alle Freunde von Hargo Talu hoffen, daß es ihnen ebenso geht. Daß ganz langsam diese ruhige, besinnliche Stimmung bei ihnen Einzug halten wird. Daß die Gedanken alle unsere Freunde einschließen werden, auch die, an die nur noch Erinnerungen wachgehalten werden. Hier in Estland zündet man an Heiligabend eine Kerze auf dem Grab an, um der Toten zu gedenken. Auch hier auf Hargo Talu wird es so sein. Und dann feiert man. Und alle, alle feiern in Gedanken mit.

Ich wünsche allen Freunden von Hargo Talu ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und ich danke allen für die kleinen und großen Freuden, die sie mir in diesem Jahr bereitet haben. Ich werde bei allen in Gedanken sein...

Ute Wohlrab

3. August 2008

... auch wenn ich verkleidet bin: Hanno war der einzige Rappe!

Urlaub mit Hanno und Strandschönheit gleich zu Beginn (leider nicht mit der Originalmusik), später spannende Stierkampf-Szenen!

Im Interview rufe ich sowohl den Landwirtschaftsminister als auch die Politiker Estlands auf, ihre Pflicht zum Erhalt dieses traditionellen Kulturguts "Tori-Pferd" ernst zu nehmen und nicht nur das zu bearbeiten, was ihnen Spaß macht. Desweiteren erkläre ich, daß das Tori-Pferd alten Schlages sehr vielseitig ist, nicht nur Wagen ziehen und Felder bearbeiten kann, sondern durchaus auch mit schönem Zubehör und gutem Reiter in praktisch jeder Sparte eine gute Figur macht.

3. August 2008

Hanno heißt eigentlich Handor und kam Anfang Juni 2007 nach Hargo Talu. Der Reitschulbetrieb, in dem er stundenlang seine Arbeit tat, löste sich auf, den dämpfigen Wallach, dessen Vorderbeinen man das viel zu viele Springtraining ansieht, wollte keiner. Auf Hargo Talu war Platz für ihn, hier fand er ein neues Zuhause.

Hanno - ein imposanter Rappwallach, seinem Vater Heigo praktisch aus dem Gesicht geschnitten, allerdings eben durch den Reitschulbetrieb abgestumpft und stur geworden. Nur mit Hengstgebiß und zwei Personen konnte er auf die Koppel geführt werden und selbst das war oft problematisch. Trotzdem bereute ich es keine Sekunde, den ruhigen, zuverlässigen Wallach aufgenommen zu haben.

Bereits Mitte Juli, als eine kleine Pferdeshow speziell für die schweren Tori-Pferde am anderen Ende Estlands abgehalten wurde, waren wir dabei - ich hatte ihn genau 4 x vorher geritten, traute uns beiden das bißchen Schritt und Trab mit dem spanischen Sattel durchaus zu. Schwerer hatte es meine Freundin Moni, die als stolze Sevillanerin im weißen Kleid hinter dem Sattel thronen sollte: eine Generalprobe von 5 Minuten mußte ausreichen! Hanno war aber durch nichts aus der Ruhe zu bringen und trug uns Leichtgewichte mühelos. Wir wagten es...

Ein schwerer, mit 1.73 m Stockmaß riesiger Tori-Wallach als Spanier - Hanno schien nichts dagegen zu haben und unsere Auftritte waren ein voller Erfolg. Sogar zu Galopp konnte ich ihn überreden und er machte tapfer mit. So gut, daß wir auf der estnischen Rassetier-Ausstellung wieder auftraten, dieses Mal im Landwirtschaftsmuseum in einem romantischen Gutspark.

Danach hatte Hanno erst einmal eine lange, lange Winterpause und erst Ende Juni begann ich wieder, mit ihm zu arbeiten. Ich fing ganz von vorne an und tatsächlich hatte ich Erfolg: Hanno wurde motivierter, merkte, daß er schon nach 10 Minuten zum Grasen geschickt wurde und kam freiwillig mit zum Reitplatz. Erst nach einer Woche an der Longe wurde er gesattelt und ich staunte über seine Wandlung. Hanno war leicht zu lenken, endlich auch unter dem Sattel entspannt und so hatte ich einige Ideen, für die wieder im Juli stattfindenden Tori-Pferde-Show.

Hanno sollte zum einen natürlich wieder seine Senorita hinter dem Sattel tragen, ein Auftritt, der wohl unser Markenzeichen wird. Aber der zweite Auftritt stand ganz im Zeichen von Sonne, Sommer, Strand - die von mir angebetete Schönheit erst desinteressiert, schließlich mich heranwinkend, ich küsse ihre Hand und schließlich schwingt sie sich hinter mir aufs Pferd - das Publikum tobte! Sofort stand das estnische Fernsehen bereit und interviewte mich sofort noch im Kostüm. Umso schneller mußte Hanno danach von seinen Blumengirlanden befreit werden, ich stieg ins Torero-Kostüm.



Meine Carmen im weißen Kleid reichte mir die Spieße und im Galopp zielte ich auf die Heupacks, die den Stier ersetzten. Hanno war unschlagbar, galoppierte zielsicher und ruhig, verlor auch dann die Fassung nicht, als ich mich weit aus dem Sattel beugen mußte. Wir hatten nur vier Mal geprobt... in jeder Hand ein verzierter Spieß und im Galopp, ohne Zügel, auf die Heupacks zu. Ich hielt die Spieße rechts, wie wir es geprobt hatten - Hanno aber entschied sich anders! Schnell schwang ich die Spieße nach links und schaffte es, im Galopp zuzustechen! Die Spieße blieben stecken! Als ich die Aufnahme später im Fernsehen sah, war ich begeistert von Hannos Sicherheit - und entschied, diese Nummer kein zweites Mal zu reiten. Nicht wegen Hanno - sondern weil es so gut wahrscheinlich nie mehr klappen würde...

Hanno wurde aber nicht nur im Training besser, sondern vor allem anhänglicher. Nach dem Training durfte er noch grasen, meist ohne Halfter. Und so ergab sich eines Tages, daß er auch vollkommen frei mit zurück zu seinem Unterstand kam. Später ging er zielstrebig alleine.

Hanno hat mit anderen Pferden große Probleme, er läßt sich jagen und beißen, weder wehrt er sich noch läuft er weg - und lebt daher alleine, was ihm erstaunlicherweise sichtlich gut tut. Leider hat sein Auslauf keine eigene Koppel und eines Tages war der Reitplatz nicht mehr wirklich ergiebig.

Und gestern Abend versuchte ich es - ich ließ Hanno einfach frei. Führte ihn zu einer schönen saftige Stelle und ließ ihn allein. Einige Stunden später fand ich ihn hinter den Fichten, er kam sofort auf Zuruf zu mir und folgte mir zum Unterstand.... und heute ist er seit Stunden einfach frei unterwegs und grast.

Diese Veränderung freut mich so sehr, daß ich sie mit den Freunden von Hargo Talu einfach teilen möchte.

4. Juli 2008

Ein Projekt, ein Hof wie Hargo Talu bedeutet sehr viel Verantwortung. Bedeutet viel Arbeit, die angepackt sein will, viel Organisation, viel Durchhaltevermögen. Aber hat diese Bedeutung nicht jede Lebensaufgabe, so sie denn eine geworden ist?

Hargo Talu, das letzte Gestüt weltweit mit dem Schwerpunkt "Rasse-Erhalt der letzten reingezogenen Tori-Pferde" ist so eine Lebensaufgabe geworden. Und mit dem Gestüt hat sich der Gedanke des Rasse-Erhalts auf breiterer Basis selbständig gemacht: nicht nur für "meine Toris" opfere ich vieles, sondern ein Erhaltungsprogramm für die reingezogenen Tori-Pferde ist erstellt, will mit Leben und Aktivitäten erfüllt sein. Damit nicht nur "meine Toris", sondern die ganze Rasse eine Zukunft haben kann.

Derzeit leben auf Hargo Talu 28 Pferde. Dazu kommen 3 Ziegen, 3 Hunde, Kater Nathan, 9 Hennen und ein Gockel. Allen versuche ich ein lebenswertes Leben zu bieten und so viel Freiheit wie möglich zu erlauben. Von ihrem Leben, von den täglichen Herausforderungen, den kleinen und großen Fortschritten auf Hargo Talu soll dieses Blog erzählen.

Und ich hoffe, niemals langweilig werden...

Ute Wohlrab